-TEST- GRÖNLANDPADDEL GEARLAB KALLEQ

Pikantes aus Fernost: neue Stäbchen für salzige Gefilde

TEXT und TEST von Lars Everding

DKV Referent Ausbildung Küste
Kanulehrer B Lizenz des DKV
Ausbilder Salzwasserunion

 

GEARLAB KALLEQ

Nachtrag zum GP Carbon Test von 2020
Konkurrenz aus Taiwan

Neuer Platzhirsch aus dem Land der Stäbchen. GP aus Carbon; ein ernstzunehmender Konkurrent aus Taiwan hört auf den Namen GEARLAB KALLEQ.

Erstkontakt
Mein erstes Carbon Erlebnis aus dem Land der untergehenden Sonne ist schon einige Jahre her und fiel im Ergebnis eher durchwachsen aus. Die Schulter entsprach nicht der Physiognomie meiner Hände. Die Blattkante war stumpf und der Schaft zu kurz. Das Ganze aus Glasfaser mit Carbonoptik und obendrauf lackiertes und somit für mich gefaktes Oberflächenfinish. Deshalb war die Firma Gearlab von mir negativ konnotiert und spielte in meiner Wahrnehmung lange Jahre keine Rolle mehr.

Man sieht sich immer zweimal
Erst im vorletzten Jahr kamen über die digitalen Messenger immer wieder Werbungen über ein völlig verändertes GP mit Features, die mein Interesse weckten. Dann, zum ersten Mal im letzten Winter der erste live Kontakt. Was für eine Weiterentwicklung! Die Blattflächen mit maximaler Fläche an den Enden, ein tragflächenartiges Profil mit scharfen Kanten versprach einen perfekten hydrodynamischen Lift. Schulterloser Übergang vom Schaft zum Blatt rundeten für mich den ersten Gesamteindruck positiv ab.

Zeitgleich bot mir mein kompetenter Outdoorspezialist walkonthewildside in Bonn das GEARLAB KALLEQ zum Testen an. Nun konnte ich es kaum erwarten, ihn einem ausgiebigen Praxistest zu unterziehen.

Testpaddel
Dann war es soweit: Das GP wurde mir pandemiegemäß zwischen Tür und Angel inklusive einer funktionalen Transporthülle übergeben. Dazu gehörten ebenso zwei Ersatz Endkappen inkl. Titanschrauben. Ebenso gab es ein Wachsstück zur Pflege der Teilung. Sogar der Imbusschlüssel war dabei. Das nenne ich vorbildlich komplett.

Ich pellte beide Hälften aus der Tasche und fügte sie mit einem leicht schmatzenden Geräusch zusammen. Die Teilung mit einem innovativen Federgelenk rastete satt zusammen. Durch die die Kohlefaser Komponenten soll es absolut rostfrei sein.

Mit allen Sinnen
Der nächste Schritt, der taktile Erstkontakt, ich nehme es vorweg, ist ein sehr intimer Moment. In den folgenden Sekunden passieren unterbewusste Dinge, ein stiller, tiefer und intensiver Prozess der Wahrnehmung mit allen Sinnen. Das GP balanciert durch meine Hände und wird innerhalb von Sekunden taxiert.
Die Mimik meines Gesichts als Spiegel der Erkenntnis offenbart das Ergebnis. Es lächelt mich. Weißer Rauch steigt auf. Das GP hat die “Handschmeichlerhürde” genommen.

Catch
Das GP fest im Griff tauchen wechselseitig die Blattflächen ins Wasser. Sofort nehme ich behende Fahrt auf. Zwei catchwillige Blattflächen mit einer nach vorne verlagerten maximalen Breite generieren sofort maximalen Vortrieb. Die smoothen und scharfen Blattkanten, kombiniert mit einem leicht profilierten Blattquerschnitt lassen das klare Wasser geräuschlos und blasenfrei zerteilen.
Es ist wirklich einfach zu fahren und bietet gerade Einsteigern bzw. Wechslern ein direktes Erfolgserlebnis. Der “canted stroke” gelingt wie von selber. Der schulterlose Übergang greift sich gut, obwohl der Schaft nicht ovalisiert ist.

Ich möchte nicht verhehlen, dass ich hier ein gewisses Vorurteil gehegt habe. Als jemand der beruflich aus dem biomechanischen Bereich kommt, war es schlicht unvorstellbar, ein GP anzupreisen, welches nicht einen idealen ergonomischen ovalisierten Schaft besitzt. Das Optimum in meiner persönlichen Vorstellung war ein ovalisierter Schaft in Kombination mit einem Schulterlosen Übergang von Schaft zum Blatt. Nur so kann das Paddel ohne Haltekraft der Hand im Wasser effizient geführt werden.

Nach nun über drei Wochen GEARLAB KALLEQ Test bin ich positiv überrascht, dass dieses GP auch ohne Ovalisierung gut in der Hand liegt und sich ebenso gut über die Auflagefläche der Innenhand führen lässt. Ein erhöhter Kraftaufwand ist für mich in dieser Zeit nicht messbar gewesen und ich habe ebenso keine Sehnen oder Muskeln Veränderungen wahrnehmen können. Somit werde ich mein Vorurteil revidieren und auch dieses Konzept ohne Ovalisierung empfehlen können, auch wenn es bisher nicht meinem persönlichen “Goldstandard” entsprochen hat.

Form follows function
Nach der Begeisterung über Form und Funktion kommen wir zu den weiteren positiven features. Gearlab schreibt dazu:

Das Material
Das exklusive Carbonfaser-Gewebe ist mit Fäden verstärkt “ripstop weave”, die es praktisch unmöglich machen zu reißen und dem Paddel einen schicken Stil verleihen. In allen Gearlab-Paddeln werden Schrauben aus Titan in Luft- und Raumfahrtqualität verwendet “Titanium Hardware”, die sicherstellen, dass auch das kleinste Element eines Gearlab-Paddels stabil und rostfrei bleibt.

Die Teilung
Das Gearlab-Paddel verfügen über ein zweiteiliges Design, das sich für den bequemen Transport und die Lagerung auf dem Kajak Deck schnell trennen lässt. Der flache Carbonfaser-Knopfverschluss sorgt für ein bündiges Gelenk und einen schlanken Paddelschaft. Das innovative Federgelenk-Design von Gearlab “diamond joint” rastet sicher zusammen, um eine bündige, feste Verbindung zwischen den Blättern zu gewährleisten. Die Kohlefaser Komponenten verziehen sich nicht und rosten auch nicht, wenn sie Wasser ausgesetzt sind.

Austauschbare Spitzen
Gearlabs charakteristisches “ProTek-Tip-Design” verstärkt die Enden des Paddels mit einer leicht austauschbaren Spitze aus einem haltbaren Polyamid-Material. Dies bietet Vertrauen in felsigen oder flachen Gewässern und die Möglichkeit, ein Paddel mit farbigen Spitzen zu individualisieren.

Die Firma
Der Hauptsitz von Gearlab befindet sich in der pulsierenden Stadt Taipeh, weniger als eine Autostunde entfernt von rauschenden Flüssen, üppiger Vegetation, zerklüfteten Klippen und einer beeindruckenden Anzahl von Nationalparks. Taiwan ist eine subtropische Insel im Pazifischen Ozean und verfügt über eine kilometerlange, wunderschöne Meeresküste.

Fazit
Taiwans Gearlab KALLEQ ist eine innovative Weiterentwicklung aller mir bisher bekannten GPs. Der Catch ist noch einmal etwas griffiger als der des Grampaddles. Die Verarbeitung spielt sicherlich in der selben Liga wie die des Blacklights und verspricht somit einen verlässlichen Partner für viele Jahre, auch unter hoher Beanspruchung. Ebenso ist die Teilung so funktional ausgelegt, dass sie salzigen und sandigen Bedingungen trotzen kann. Sie wäre somit die erste, die dauerhaft den Herausforderungen dieses besonderen Habitats entspricht. Das wirkliche Alleinstellungsmerkmal aber sind für mich die austauschbaren Endkappen der Blattspitzen. Gerade für Paddler im felsigen Gelände haben sie einen entscheidenden Mehrwert an Langlebigkeit durch die einfache Wechselmöglichkeit der empfindlichsten Stelle.

DISCLAIMER: Das Paddel wurde mir ebenso wie die vorherigen 3 GPs zum Test kostenlos als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Ich bewerte unabhängig nach rein technischen, biomechanischen und persönlichen Eindrücken.

Hinweis:
Ich möchte gerne noch zu dem ausführlichen GP Artikel aus dem Jahre 2020 ((Seekajak 163, S. 48-55) hinweisen, in dem neben dem Paddeltest auch sehr ausführlich auf die Historie sowie Paddeltechnik eingegangen worden ist. Eine ideal ergänzende Lektüre!

Hersteller

Typ

Gearlab

Kalley

Länge gesamt (cm) 210- 220- 230 (getestet)
Schaftlänge (cm) 53- 55- 57
Blattbreite (cm) 8,8
Blattlänge 78,5-82,5-86,5
Profil scharfes Profil, trapezförmig auslaufend
Kantenstärke scharfkantig an der dünnsten Stelle 1,1 mm
Blattspitze  eckig, sehr flach mit austauschbarer Endkappe
Schaftform (oval/rund) rund 31 mm
Übergang Schaft/Blatt (Schulter) Schulterlos (Smooth)
Steifigkeit/Flexibilität guter Flex
Teilbarkeit Salzwasserbeständig und Rostfrei
Verarbeitung excellent
Gewicht (gramm) ca. 720-750-780
Preis (€) ca. 498 €
Griffgefühl, liegt perfekt in der Hand, bester Übergang vom Schaft zum Blatt
TIPP “Kauftipp” Form, Catch, Verarbeitung sowie gute Teilung und austauschbare Spitzen